Carpe Diem

Lieber Freund,
Dieser Spruch ist so alt wie das Internet, vermutlich sogar älter. Oftmals mit "Nutze den Tag" übersetzt, sollen uns diese beiden Worte dazu anregen, etwas aus der - wenigen - Zeit die wir haben, zu machen. Es ist nicht näherhin bezeichnet, wie wir den Tag nutzen sollen, nur das wir es sollen. Ich möchte dir an dieser Stelle dazu eine ganz spezifische Frage stellen, nämlich "Wann hast du die Menschen die dir wichtig sind, das letzte Mal fotografiert?"

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Der Hintergrund dieser Frage ist kein Zufälliger. Mir ist erst kürzlich sehr drastisch vor Augen geführt worden, wie wenige Fotos ich von den Menschen die ich liebe - dazu zählt natürlich und vor allem meine Familie - tatsächlich habe. Ich rede hier nicht von Schnappschüssen vom letzten Geburtstag beim Kerzenausblasen oder beim Grillen im Garten mit der "Chef-Koch" Schürze vor dem Bauch. Ich meine wirklich schöne, stilvolle Porträts. Gestellt oder auch "candid", wie man so schön sagt. Was war nun passiert?

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Das ist eigentlich schnell erklärt, mein Opa ist gestorben. Zugegeben, es war nicht unerwartet - war er schon fast 90 und auch gesundheitlich nicht mehr so gut beisammen - traurig sind wir natürlich trortzdem. Und am heutigen Tag, da dieser Artikel online geht (was in keinster Weise geplant war oder auch nur vorhergesehen worden konnte; manch einer wird es Zufall nennen, aber ich glaube nicht an den Zufall...), tragen wir ihn zu Grabe. Der erste Gedanke, welcher mir damals (das ist nicht einmal zwei Wochen her, aber es kommt mir wie eine Ewigkeit vor) nach Erhalt der Nachricht in den Sinn kam war dieser: "Gott sei Dank, dass ich letztes(!) Jahr bei der Osterjause ein paar schöne Fotos gemacht habe!" So lange ist es nämlich her, dass ich Fotos vom Opa (und der Oma!) gemacht habe. Ja, von Weihnachten sind noch ein paar Fotos da, aber eben mehr diese "Schnappschüsse", nichts was man auf der Todesanzeige oder der Einladung zum Begräbnis verwenden wollen würde.

Wann hast du die Menschen das letzte Mal fotografiert, die du liebst?

Ich will dich hier nicht in Panik versetzen, aber in der heutigen Zeit, wo alles so schnell passiert, wo man von einem "Event" zum Nächsten hetzt, kann es leicht geschehen, dass man auf die wirklich wichtigen Dinge vergisst. Und auch wenn das vielleicht nicht für *alle* Familien gelten mag, in 99% der Fälle ist es die Familie, die nicht auf dich vergisst (die meisten "Freunde" schon, außer vielleicht die wirklich ganz, ganz, ganz Guten). Trotz aller Probleme die man mit seinen Elter, Geschwistern, usw. haben mag, am Ende des Tages rücken alle zusammen, wenn es notwendig ist. Besuche deine Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten, usw. wieder einmal. Höre ihnen zu, wenn sie über die Vergangenheit sprechen, über ihre Vergangenheit, was sie erlebt und erduldet haben. Es ist nicht deine Vergangenheit, aber es ist deine Herkunft. Ob sie dir gefällt oder nicht.

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Und nimm deine Kamera mit! Sag einfach "Ignoriere die Kamera, und erzähle mir aus deinem Leben." Du kannst auch ein Diktiergerät (oder dein Smartphone) mitlaufen lassen. Dann kannst du dich auf dein Gegenüber konzentrieren und hast nachher aber auch die (teilweise) berührenden Geschichten gespeichert. Was du dann damit machst, überlasse ich ganz dir. Du kannst ein Buch erstellen. Mit Fotos und den Geschichten. Oder du druckst ein paar Fotos aus und schenkst sie her. Oder, oder, oder, deiner Fantasie sind hier keine Grenzen gesetzt. Den Teil mit dem Erzählen aus der Vergangenheit habe ich leider bei meinem Opa verpasst. Aber ich weiß, dass mein Papa oft bei der Sonntagsjause zugehört hat. Ein Teil des Wissens, hat also mein Papa gespeichert. Nun liegt es an mir, mich mit ihm zusammen zu setzen.

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Glaube mir, ich denke mir auch immer wieder, "Warum soll ich mich jetzt hier eine Stunde hinsetzen und mich vollquatschen lassen?" oder so ähnlich. Aber die Freude über die wenigen Fotos die ich jetzt noch von meinem Opa habe, wiegen das wieder total auf! Es kostet vielleicht ein wenig Überwindung (nicht Jedem, das ist mir schon klar, einigen fällt es leichter als anderen) aber es lohnt sich! Die Fotos hier im Artikel sind alle bei besagter Osterjause 2016 entstanden. Und ich bin sehr froh darüber, dass ich mich damals entschieden hatte, ein wenig Zeit meiner Familie zu schenken. Das erste Bild ganz oben habe ich auf 20 x 30 ausgedruck und in einen schlichten Rahmen gegeben. Das bekommt meine Oma dann nach dem Begräbnis zur Erinnerung an ihen Mann. Und ich bin mir sicher, dass sie sich sehr darüber freuen wird. Bis zum nächsten Mal, Dein

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