"Gullivers Reisen" ?!?

Seit den ersten beiden Teilen meiner Reise von Canon zu Fuji ("Entweder - Oder" und "Schöne neue Welt") sind nun mehrere Monate vergangen. Was gibt es Neues zu berichten, bin ich zu Canon zurück gekehrt oder habe ich meine Canon Ausrüstung verkauft?

Fuji X-Pro1 mit XF 35mm F1.4 R
1/500sec, f/4.0, ISO 200

Kurz und bündig: Nein, verkauft habe ich meine Canon Ausrüstung nicht. Aber seit meine X-Pro1 eingetroffen war, bin ich nur noch mit dieser bzw. meiner X100T herum gezogen um Fotos zu machen. Zusammen mit der Kamera kamen auch zwei Festbrennweiten nämlich das Fujinon XF 35mm F1.4 R und das XF 56mm F1.2 R. Das 35er konnte ich auch gleich ausgiebig in den Strassen Wiens testen, als ich mit Michael den Ing.WALK #005 (B&W Challenge) veranstaltet habe. Ich hatte zwar auch das 56er dabei aber das wäre mir auf der Straße zu lange gewesen. Ich bin mir sicher, dass Michael an dieser Stelle schmunzeln muss, da ich mich nicht nur ein Mal bei ihm "beschwert" habe, dass mir mein Canon 100 - 400mm zu kurz sei. Aber der Wunsch nach langen Objektiven war dem Umstand geschuldet, dass ich mich mit meiner DSLR eher am Rand des Geschehens aufhielt um nicht all zu sehr aufzufallen. Das eine DSLR von Natur aus größer ist -ganz besonders wenn man so wie ich den Hochformatgriff dran hat- und beim Abdrücken eine gewisse Geräuschkulisse erzeugt, ist irgendwie klar. Ich hatte aber beim Fotografieren immer das Gefühl, dass ich die Menschen mit der riesigen Kamera (und den riesigen Objektiven) störe. Und dann kam natürlich noch der -in den aktuellen DSLRs kaum mehr vernehmbaren- Spiegelschlag dazu, der bei meinr 5D auch aus größerer Entfehrnung noch wahrnehmbar war.

Fuji X-Pro1 mit XF 35mm F1.4 R
1/250sec, f/4.0, ISO 200

Durch das Fehlen eines Spiegels inklusive allem was dazu gehört (Spiegelkasten, Dachkantenprisma, Spiegelschlag, etc.) sind die Fuji Kameras (zumindest die X100T und die X-Pro 1) deutlich kleiner und leiser. Die X100T ist wenn der elektronische Verschluss ausgewählt ist fast absolut geräuschlos, nur das Objektiv macht beim Scharfstellen ein Geräusch! Und damit ist für mich auch irgendwie das "Problem" des Störens weniger geworden. Es ist natürlich klar, dass ein Fotograf *immer* jemandem im Weg steht, aber das liegt in der Natur der Sache. Michael sagt dazu immer "Sei die Mitte wenn du fotografierst". Von daher ist es nur logisch, dass ein Fotograf auf den Veranstaltungen die er fotografiert immer irgendwie sichtbar ist. Aber mit einer kleineren Kamera fällt man nicht sofort als Fotograf auf und kann das eine oder andere "Candid" also nicht gestellte Foto so etwas leichter machen. Ach ja, die Objektive von Fuji haben -formatbedingt- auch einen geringeren Durchmesser als Objektive für Vollformatkameras. Daher wirken die Fuji Objektive auch nicht so "aufdringlich", selbst wenn man zu den lichtstarken Varianten (f/2.8 oder schneller) greift. Damit hat sich aber auch mein Verhalten beim Fotografieren verändert. Einerseits hat die X100T kein Zoomobjektiv und andererseits ist sie nicht so riesig und laut. Ich traue mich einfach mehr, weil die Kamera in den Augen vieler nicht so "professionell" wirkt und die Menschen weniger "Angst" vor einem haben. Wer stört sich schon zum Beispiel in der Stadt an einem Touristen mit einer kleinen Kompaktkamera? Oder man wird bei einer Veranstaltung für einen Gast gehalten, der zufälliger weise eine kleine Kamera dabei hat. Jedoch brauchen sie die Bilder aus dieser (und anderen "kleinen" spiegellosen) Kameras nicht hinter denen ihrer "großen Brüder" verstecken.

Fuji X-Pro1 mit XF 35mm F1.4 R
1/500sec, f/4.0, ISO 200

Und dann war da noch die Hochzeit meines Bruders. Viele Fotografen raten davon ab, Hochzeiten innerhalb der Familie zu fotografieren und ich kann auch nachvollziehen wieso sie dieser Meinung sind. Aber schlussendlich habe ich mich entschieden, die Hochzeit doch zu fotografieren. Diese Entscheidung ist allerdings gefallen, bevor ich zu Fuji gewechselt bin. Ich hatte zwar vor die X100T bei der Hochzeit einzusetzen, aber die Hauptkamera wäre meine 5D gewesen. Ich habe lange darüber nachgedacht ob ich die Hochzeit, trotz meines Wechsels zu Fuji mit meiner "alten" und "eingespielten" Ausrüstung oder doch mit meiner "neuen" Ausrüstung fotografieren sollte. Aus vier Gründen habe ich mich dann entschieden, die Hochzeit komplett mit Fuji zu fotografieren. Erstens wäre es nicht konsequent von mir gewesen, zuerst zu wechseln und dann wieder zurück zu gehen. Zweitens konnte ich bis zur Hochzeit genug Zeit mit meinem neuen System verbringen um die notwendige Sicherheit im Handling zu erlangen. Drittens hatte ich vor den Peli-Case mit meiner DSLR Ausrüstung immer in der Nähe zu haben, als Backup sollte etwas mit meinen beiden Fujis sein (so wie Michael neben seiner 5DMkII und 6D auch noch die 40D im Rucksack hatte). Und viertens würde Michael mir sowieso unterstützend zur Seite stehen, was sollte also passieren? 

Fuji X100T (23mm)
1/125sec, f/2.8, ISO 3200

Abgesehen von einem kleinen Missgeschick -der Blitztranciever von Michael rutschte ihm vom Blitzschuh der Kamera (das Ding ließ sich leider nicht -wie die Blitze- fixieren) und überlebte den Aufprall aus etwa 4m Höhe auf dem Steinboden nicht- lief alles mehr oder weniger nach Plan. Und obwohl nur die Batteriefachtüre abgerissen ist, weigerten sich alle Blitze fortan von ihm ausgelöst zu werden. Derzeit liegt das Teil bei mir zerelgt am Tisch, vielleicht lässt sich da noch was richten, es dürfte jedenfalls ein elektronisches Problem sein. Aber ansonsten verlief die Hochzeit ohne nennenswerte Zwischenfälle. Das Wetter wollte nicht ganz mitspielen, aber das lag außerhalb unserer Möglichkeiten. Das Gruppenfoto konnten wir jedoch retten, auch wenn es nicht ganz das "übliche" geworden ist. Haben Michael und ich Momente verpasst? Mit Sicherheit, aber das lag weder daran dass wir nicht aufmerksam gewesen wären, noch an unserer Ausrüstung. Während der Hochzeit passieren so viele Dinge, dass man nur versuchen kann, die schönsten und wichtigsten einzufangen. Alle Momente zu dokumentieren wird einem nie gelingen. Glücklicherweise bekommt das Brautpaar üblicherweise am wenigsten davon mit, die beiden sind nämlich meist so nervös oder mit anderen Dingen beschäftigt, dass vieles einfach an ihnen vorübergeht ohne dass sie es merken. Dafür sind dann die Fotografen (bzw. Videografen) da. Um möglichst viele Momente einzufangen die das Brautpaar an diesem großen Tag sonst nie sehen würde. Wichtig ist es also "nur" die wichtigsten Momente einzufangen, dann hat man schon gewonnen. Und das ist uns beiden mit Sicherheit gelungen.

Fuji X100T (23mm)
1/125sec, f/4.0, ISO 2000

Dass ich nach der Tafel, als das Licht im Saal fast komplett abgeschaltet wurde und die Party begann mit dem Autofokus zu kämpfen hatte ist aber nicht weiter überraschend, ob sich Michael so viel leichter getan hat wage ich zu bezweifeln. Einen Vorteil hatte ich aber, denn Wände waren weiß und wurden von Spots angestrahlt. Dadurch hatte ich im Vergleich zum Hauptmotiv (den tanzenden Gästen) einen relativ großen Kontrastunterschied und das war sehr hilfreich für den Kontrastautofokus. Problematischer waren eher die schnellen Bewegungen der Tänzer. Ich habe mich also immer wieder spontan entschieden auf manuellen Fokus umzusteigen. Und die Menge an unscharfen bzw. nicht brauchbaren Fotos hielt sich (überraschenderweise?) in Grenzen! Und beim Sichten der fast 3.000 Fotos wich die anfängliche Skepsis purer Begeisterung, ich habe nämlich nur bei zwei oder drei Gelegenheiten das gerade gemachte Foto am Kamerabildschirm angesehen. Meist ging es so schnell, dass ich dafür einfach keine Zeit hatte und die Belichtung kontrolliere ich sowieso "live" im Sucher über die Belichtungsanzeige und das Bauchgefühl. Und da Michael und ich -natürlich- in RAW fotografieren, ist es "ausreichend" die Belichtung in einem Bereich von etwa +/- 2/3 Blenden bezogen auf die "optimale" Belichtung zu treffen, dann hat man beim Entwickeln keine Probleme. Das ist aber nicht wirklich ein Problem für uns beide, da wir das eigentlich immer hinbekommen. Nicht ausschließlich, aber gerade die Fotos die ich mit dem XF 56mm gemacht habe sind direkt aus der Kamera bereits so gut, dass es kaum einer "Entwicklung" in LIghtroom bedarf. Und die Schärfe des Objektivs ist einfach nur unglaublich! 

Fuji X100T (23mm)
1/500sec, f/8.0, ISO 800

Abschließend lässt sich folgendes Fazit meiner Reise von Canon zu Fuji ziehen: Etwas Neues zu beginnen ist anfangs immer schwer oder vielleicht sogar beängstigend. Das habe ich selbst schon oft bemerkt, zuletzt als ich Anfang des Jahres bei einem neuen Arbeitgeber zu arbeiten begann. Aber es ist auch spannend, herausfordernd und interessant. Man lernt über seinen eigenen Schatten zu springen und meistens geht es gut aus. Und selbst wenn es einmal nicht gut ausgeht, hat man doch neue Erfahrungen gemacht und einiges gelernt. So geht es mir auch mit Fuji. Die anfängliche Skepsis ob ich überhaupt wechseln sollte -weil eigentlich war ja alles soweit in Ordnung- oder ob ich mit dem neuen System zurecht kommen werde ist schnell einer Euphorie gewichen als ich sah wozu die Fuji Kameras fähig sind, wenn man weiß was man tut. Besonders angetan hat es mir die Kompaktheit meiner beiden Fujis. Und natürlich die Bildqualität, vor allem was Kontrast und Schärfe betrifft. In dieser Hinsicht war mein Umstieg nicht wie befürchtet ein Rückschritt sondern ein Schritt in die richtige Richtung.

by MiAb

Das zeigt sich auch daran, dass ich zumindest eines der beiden Objektive die ich im Blogbeitrag "Schöne neue Welt" auf meinen virtuellen Einkaufszettel gesetzt habe, schlussendlich auch gekauft habe, nämlich das Samyang 8mm (KB 12mm) F2.8 UMC II Fisheye. Das XF 16mm F1.4 R WR (KB 23mm) musste zugunsten meiner Reise nach London zur Whisky Exchange 2015 noch beim Händler bleiben. Im Übrigen, das Bild zeigt meine *komplette* Ausrüstung, ja die kleine Tasche fasst alle meine Kameras und Objektive. Vielleicht komme ich ja dazu, zu dem einen oder anderen Objektiv einen kleinen Testbericht zu verfassen, denn jetzt beginnt ja bald der Advent, die ruhigste und besinnlichste Zeit des Jahres, so sagt man zumindest. Jetzt freue ich mich aber erst einmal auf die Photo+Adventure, die am 21. und 22.November in Wien stattfindet. Michael und ich werden von dort berichten und auch versuchen ein kurzes unterhaltsames Video über die Messe zu produzieren. Und sollte uns das nicht gelingen, wird es zumindest einen Bericht und ein paar tolle Fotos geben.

aus Wien, Lukas D. Albert für LDAMiAb.com