Hyperfokal!! - Willst du mich beleidigen?!?

Prag, 2017

Lieber Freund,
Hast du schon einmal den Begriff "hyperfokal" im Zusammenhang mit Fotografie gehört? Sicherlich, oder? Es war in einer der letzten Folge des Happy Shooting Podcast von Chris und Boris, als ich von einem Kickstarter Projekt hörte, das ein hyperfokales Objektiv bauen möchte. Chris bemerkte völlig korrekt, dass jedes Objektiv ein hyperfokales Objektiv ist bzw. sein kann. Korrekterweise muss man natürlich vom der "hyperfokalen Distanz" sprechen. Was ist nun diese "hyperfokale Distanz"? In Wikipedia lesen wir dazu:

Als hyperfokale Entfernung beziehungsweise hyperfokale Distanz wird in der Fotografie diejenige endliche Gegenstandsweite bezeichnet, bei der, wenn man genau auf diese Entfernung fokussiert, im Unendlichen liegende Objekte ebenfalls gerade noch mit akzeptabler Unschärfe abgebildet werden. Der gesamte mit akzeptaber Unschärfe abgebildete Bereich, die sogenannte Schärfentiefe, reicht dann von der halben hyperfokalen Entfernung bis ins Unendliche. - Wikipedia

Viele alte Objektive hatten sogar eine solche Markierung am Objektivtubus angebracht. Die Entfernung, ab welcher quasi "alles Scharf ist", hängt natürlich von der verwendeten Brennweite und von der eingestellten Blende ab. Das oben erwähnte Objektiv hatte, soweit ich mich erinnern kann, eine fest eingestellte Blende und ein Verstellen der Fokusdistanz war auch nicht möglich, da das Objektiv auf die hyperfokale Distanz eingestellt ist. Ich werde hier nicht auf die Sinnhaftigkeit dieses Objjektives eingehen, sondern mich den Vorteilen zuwenden, welche man erlangt, hat man einmal dieses Konstrukt der hyperfokalen Distanz begriffen.

Auf alten Objektiven war manchmal, wie schon erwähnt, eine Markierung für die hyperfokale Distanz angebracht, auf den Meisten jedoch fand sich zumindest eine Tiefenschärfeskala, wie auf dem hier dargestellten Objektiv. Ich habe die Unendlichmarkierung rechts auf den Strich zwischen Blende 8 und 16 (entsprechend Blende 11) gestellt. An der roten Markierung lässt sich einfach die hyperfokale Distanz (5m) ablesen, am linken Strich zwischen 8 und 16 die Distanz, ab welcher der Schärfebereich (2,5m) beginnt. So einfach war das damals. Bei den heutigen Digitalkameras ist das etwas schwerer geworden, aber auch in diesem Bereich sind die spiegellosen Kameras wieder einmal Vorreiter. An meiner X100T sowie meiner X-Pro1 habe ich einen dynamischen Schärfebereisanzeiger, mit dessen Hilfe ich leicht die hyperfokale Distanz einstellen kann. Für alle Kameras, die das nicht haben, gibt es sicherlich auch Apps für das Smartphone, die diese Berechnung anstellen können.

Wien, 2016

Warum das ganze Gerede über hyperfokale Distanz? Wozu braucht man diese denn überhaupt (noch)? Und kann man das nicht im Nachhinein in Lightroom, Photoshop oder sonstwo "reparieren"? Nun, im Nachhinein lässt sich das nicht mehr "einfügen", soviel ist schon einmal sicher. Verwendung findet diese Technik überall dort, wo ich keinen Autofokus benutzen kann, entweder weil ich keinen habe, oder weil der Autofokus mit der Situation nicht zurecht kommt. Ein paar Beispiele:

  1. Street Photography: War ja klar, das dieses Thema bei mir kommen muss. Wobei hier nicht unbedingt die hyperfokale Distanz genutzt werden muss. Hier kommt auch oftmals das Zonen-System zum Einsatz, bei welchem ich im Vorhinein festlege, welcher Bereich (z.B.: von 1,5 bis 3m) scharf sein soll und welcher nicht.
  2. Landschaften: Jeder Landschaftsfotograf liebt die hyperfokale Distanz und da man im Normalfall auch ein Stativ verwendet, kann man sein Objektiv schon mal auf Blende 8 oder mehr abblenden. Dann noch auf die hyperfokale Distanz eingestellt, wird so gut wie alles scharf auf dem Landschaftsbild.
  3. Feuerwerk: Auch hier hilft einem diese Technik enorm. Normalerweise ist es dunkel, wenn man ein Feuerwerk fotografiert. Und selbst wenn es nicht dunkel wäre, worauf sollte man denn scharfstellen? Man sucht sich einfach einen Teil des Himmels aus, wo vermutlich die meisten Raketen explodieren werden und fotografiert darauf los. In meinen Anfangstagen mit der DSLR hatte ich die Daumenregel: "Schärfering auf Unendlich drehen, dann ein bisschen zurückdrehen", was mehr oder weniger nichts anderes war, als die hyperfokale Distanz einzustellen. Damals wusste ich das aber noch nicht :)
  4. Sternenhimmel: Auch hier wieder, es ist dunkel ("Na no na net" wirst du dir jetzt denken) und der Autofokus wird dir hier nicht weiter helfen können. Also wieder, "Auf Unendlich und ein bisschen zurück"...
  5. Fish-Eye-Fotografie: Hier auch praktisch, da durch die sehr kurze Brennweite die hyperfokale Distanz bereits sehr früh beginnt. Mein Samyang (8mm, f/2.8) blende ich meist auf 5.6 ab, stelle den Fokus auf etwa die Hälfte zwischen Unendlich und 1m (welche Entferung das auch immer enspricht, da zwischen diesen beiden Angaben keine weiteren auf dem Objektiv sind...) und ich brauche mir nur noch über die Belichtung Gedanken machen. Scharf wird damit sowieso alles (außer ich verwackle, aber das ist ein anderes Thema).

Wie du siehst, kannst du jedes Objektiv als hyperfokales Objektiv betreiben (was Chris und Boris so auch im Podcast brachten), du musst nur die richtige Einstellung vornehmen. Und gerade bei älteren Objektiven (ich weiß das Michael einen Adapter für seine alten Minoltaobjetive für die X-T1 hat), kann dieses Wissen durchaus hilfreich sein, oder? Bis zum nächsten Mal, Dein