Minimalismus pur

Trumau, 2016

Nach meinen Artikeln über die Inspiration (Hier und Hier) und das Drucken (Hier und Hier), widme ich mich einem Thema, das in der heutigen Konsum-, Fun- & Wellness-Gesellschaft, mehr als umstritten ist und mehrheitlich vielleicht sogar als "verrückt" oder "unbefriedigend" abgetan wird. Wie der Titel es bereits verrät, geht es mir um den Minimalismus. Und das in mehrfacher Hinsicht. Bei der Wahl der Motive, bei der Ausrüstung, der Auswahl der Fotos, der Reisepläne, die ganze persönliche Einstellung.

Wien, 2016

Wir leben in einer Konsumgesellschaft, das kann niemand bestreiten. Auch ich bin lange dem G.A.S. (Gear Aquisition Syndrome) erlegen, nie war das, was man hatte Gut genug. Neben der Tatsache, dass es einen Haufen Geld kostet, immer das Neueste und Beste zu besitzen, hat es aber auch einen gravierenden Nachteil. Man ist nie wirklich glücklich, zumindest nicht Lange. Hat man endlich das neue Teil, setzt ein gewisses Zufriedenheitsgefühl ein, man ist glücklich. Jedoch nur so lange, bis der Nachfolger am Markt ist. Dann beginnt der Teufelskreis wieder von vorne. Die Fotos werden dadurch aber nicht besser. Ja, das Rauschen ist weniger, die Auflösung höher, die Farben prächtiger, aber wenn mir die Inspiration verloren gegangen ist, hilft auch die teuerste Kamera nichts.

München, 2016

Inspiriert wurde ich, alle diese Gedanken in Worte zu fassen - wieder einmal - von Eric Kim.  Er hat, nachdem ihm klar war, dass er gut 2 Jahre nicht daheim verbringen wird, begonnen vieles zu reduzieren, damit alles mehr oder weniger in einen Rucksack passt! Ich gebe immer zu Bedenken, dass ich mein Geld nicht mit Fotografie verdienen muss. Ein Vollprofi wird mir vielleicht in dem einen oder anderen Wiedersprechen, aber das ist völlig in Ordnung so! Ich brauche jedoch nicht immer das Neueste, das Beste, das Teuerste. Ich versuche nun, aus dem was ich habe, das Beste heraus zu holen. Ich habe mir Ende 2014 die Fuji X100T gekauft für die es bis heute keinen (richtigen) Nachfolger gibt. Ja, die X70 ist der X100T schon sehr ähnlich und vielleicht auch in manchem Überlegen, aber ich kratze mit dem was ich mit meiner X100T mache gerade mal an der Oberfläche dessen, wozu sie fähig ist. Ich konzentriere mich lieber darauf, was ich mit der Kamera noch alles machen könnte, was ich Neues probieren könnte, anstelle zur X70 zu schielen. Jeder, der einem versucht einzureden, man muss immer das Neueste, das Beste, das Teuerste zu haben ist entweder ein Verkäufer der seinen Umsatz ankurbeln will oder er versteht sehr wenig von Fotografie bzw. Kunst.

Wien, 2016

Als ich von meiner DSLR zu einer Fuji X100T gewechselt bin, fiel mir ein Stein vom Herzen, nicht nur wegen der Gewichtseinsparung die damit einher ging. Vorbei waren die Vorbereitungen auf einen Fotowalk. Welche Objektive sollte ich mitnehmen? Reicht mein 24-105er oder brauche ich etwas mehr weitwinkeligeres wie das 14-40er? Oder vielleicht doch das riesige 100-400er?? Doch Festbrennweiten? Gleich den ganzen Fotorucksack oder nur eine kleine Umhängetasche? Vorbei sind die Zeiten, in denen ich mich geärgert habe doch nicht das "richtige" Objektiv mitgenommen zu haben. Die einzige Vorbereitung mit der X100T: Akkus laden! Das "richtige" Objektiv: das fest verbaute 23mm f/2.0 der X100T. Will ich das Bild mit einer bestimmten Szene füllen, muss ich nun die Füße bewegen anstelle des Zoomrings. Sich selbst in der Auswahl der möglichen Optionen zu beschränken, seine Auswahl also zu Minimieren (um zum Titel zurück zu kommen), kann richtig befreiend, ja sogar inspirierend sein. Wenn ich für einen Fotowalk nur eine Kamera und ein Objektiv verwende, muss ich beginnen nach Motiven zu suchen, die für diese Kombination passen und nicht versuchen jede Szene die mir vor die Kamera kommt irgendwie mit den Kombinationsmöglichkeiten die ich habe einzufangen. Bis ich die richtige Kombination gefunden habe, ist der Moment meist sowieso schon vorbei.

London, 2016

Seit dem ich versuche, nur noch das wirklich Nötigste dabei zu haben, beginnt auch wieder meine Kreativität zu blühen. Klar, mit einem fünf Kilogramm schweren Rucksack am Rücken verhält man sich anders als wenn man nur die X100T dabei hat. Michael musste das in letzter Zeit immer wieder leidvoll erfahren, wenn er von der Uni mit einem voll bepackten Rucksack (voll mit notwendigen Dingen!) kam und ich unseren gemütlichen 15 Minuten Spaziergang zu einem 45 Minuten langem spontanen Fotowalk ausdehnte. Ich kann nur jedem empfehlen, dies selber mal für eine gewisse Zeit - eine Woche, Monat, ... - auszuprobieren. Ansel Adams hatte auch nur diese eine (riesige) Kamera mit, wenn er in den Yosemite National Park fuhr. Henri Cartier-Bresson lief sicherlich auch nicht mit zwei Kameragehäusen und drei extra Objektiven herum. Und trotzdem gelang es ihnen, eindrucksvolle, bewegende, inspirierende Fotos zu machen.

Wiener Neustadt, 2016

Ich schreibe diese Zeilen während ich mich auf meinen nächsten London Trip vorbereite. Die Kameraauswahl ist einfach, es wird die X100T werden, zusammen mit den 5 Ersatzakkus. So kann ich den ganzen Tag durch London streifen und kreativ sein. Keine Fototasche, kein extra Ballast. Und ich freue mich schon riesig darauf. Vielleicht nehme ich noch mein Stativ mit, aber das überlege ich mir noch gründlich! Die Hauptsache ist, dass man seine Kamera nimmt und kreativ ist. Egal ob in der Wohnung oder der Straße. Ich komme oftmals am Abend heim und habe, obwohl ich viele Fotos gemacht habe, keines das mir wirklich gefällt. Aber auch das macht nichts. ich lade sie trotzdem auf meinen Rechner. Vielleicht gefällt mir das eine oder andere Foto ja in 6 Monaten. Und selbst wenn nicht, man muss ja nicht immer gute Fotos mit nachhause bringen. Ich würde auch jedem empfehlen, sich den tollen Film über Saul Leiter (hier geht's zum Artikel) anzusehen. Zum Schluss möchte ich noch ein Zitat erwähnen, über das ich erst wieder kürzlich gestolpert bin. Ich glaube es drückt genau das aus, was ich mit diesem und den letzten vier Artikeln versucht habe in Worte zu fassen und was ich auch gerade versuche zu erreichen.

Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.
— Antoine de Saint-Exupéry, Terre des Hommes, III: L'Avion, p. 60 (1939)

Bis zum nächsten Mal, euer