Mit Allem und SCHARF, bitte!

Lieber Freund,
So bestelle ich am Donnerstag - Donnerstag ist bekanntlich Dönerstag - immer mein Dürüm, mit Allem und Scharf, bitte. Manchmal habe ich aber das Gefühl, dass auch wir Fotografen genau das von unseren Objektiven und Kameras erwarten - mit Allem (Funktionsumfang ausgestattet) und (immer total) Scharf, bitte. Dass das natürlich eine Illusion ist, ist dir genau so klar wie mir. Michael hat sich erst kürzlich eine Fuji X-T1 zugelegt, der kann (und wird vielleicht auch hier auf LDAMiAB.com?) ein Lied davon singen.

In meinem Vorletzen Artikel (Hier zum Nachlesen) hatte ich am Schluss erwähnt, dass sich einer meiner nächsten Artikel mit "Schärfe" befassen wird, also los geht's! Das Video von Jared Polin habe ich mir übrigens angesehen, im Video selber konnte ich die Unschärfe nicht erkennen, aber beim Originalfoto schon. Ich glaube, dass im Gesicht wohl etwas "digitales Botox" eingesetzt wurde, und daher wirkt das Gesicht nicht 100% scharf. Aber ist es wirklich notwendig, dass ein Foto 100% scharf ist? Oder, wie viel "Scharf" ist genug?

X-T1 mit analogem Minolta Objektiv

Nun, das kommt darauf an. Darauf, ob es ein Porträt ist, eine Landschaftsaufnahme, ein Arichtekturfoto oder ein Street Foto. Und darauf, für wen das Foto gemacht wurde, ob es eine Auftragsarbeit war oder "nur" für mich. Außerdem kommt es darauf an, wo bzw. wie groß ich das Foto ansehen möchte. Du siehst also, dass es unmöglich erscheint, eine eindeutige Antwort zu geben. Aber ganz so schlimm ist es glücklicherweise nicht. Ich sehe das so: Ist es eine Auftragsarbeit und der Kunde ist mit der Schärfe zufrieden, habe ich es auch zu sein. Auch wenn ich nicht 100% zufrieden bin. Wobei ich - persönlich - nur Fotos abgeben würde, mit deren Schärfe ich zufrieden bin. Bei der Familie ist es da oft ganz anders. Da spielen auch Emotionen mit und ein zu dunkles und nicht 100% scharfes iPhone Foto macht mehr Freude als ein "perfektes" aber emotionsloses Foto.

Das konnte ich erst kürzlich erleben, als ich meiner Mutter zeigte, wie sie mit ihrem iPhone auf meinem Drucker ganz einfach 10 x 15 Fotos drucken kann. Über WiFi. Ohne eine Software installieren zu müssen. Ganz ohne große Probleme. Marco Larousse hat auch vor einiger Zeit in seinem Podcast gesagt, dass sich ihm fast der Magen umgedreht hat, als er sah, dass seine Mutter die Familienfotos "einfach" auf normalem Kopierpapier ausgedruckt hat. Aber sie hatte Freude an den Fotos, auch wenn sie nicht so aussahen, wie wir Fotografen das gewohnt sind. Emotionen sind (offenbar) noch immer wichtiger als viele technische Aspekte.

X-Pro 1 mit XF 56mm f/1.2

Man kann es also auch mit der Perfektion übertreiben. Ich finde natürlich nichts schlechtes daran, Objektive zu testen und auch die Schärfe dabei zu beurteilen. Aber wenn ich auf Facebook (oder anderen Plattformen) Dinge lese wie, "Warum ist mein [Art des Fotos] wenn ich in [Bildbearbeitungssoftware] auf 300% Zoome unscharf?" kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Ja, mein 56mm Fujinon ist ein super scharfes Porträtobjektiv, auch schon bei Blende f/1.2 und ja, auch bei der 1:1 Ansicht sieht man diese Schärfe, aber das ist eines der wenigen Objektive. Bei 200 oder gar 300% wird auch ein Foto mit diesem Objektiv sicherlich unscharf. Und wenn ich Landschaften damit fotografiere werde ich auch bei "korrektem" Fokus bei der 1:1 Ansicht sicherlich schon "Unschärfen" entdecken. Die kommen aber mit Sicherheit (auch) von der langen "Luftsäule" zwischen Film/Sensor und Objekt.

Ist Schärfe also überbewertet? Nein, definitiv nicht, aber ich denke, du solltest sie (auch) nicht überbewerten. Klingt doch logisch, oder? Ja, natürlich möchte ich, dass ein Porträt scharf ist. Wenn ich es mir "normal" anschaue, nicht unter der Lupe. Oder im Rasterelektronenmikroskop ;) Hast du gewusst, dass der minimale Betrachtungsabstand eines Fotos (oder Gemäldes, ...) dessen Diagonale ist? Daraus folgt aber auch, dass du immer weiter weg gehen musst, je größer das Foto ausgedruckt ist. Wenn du dir so ein typisches Werbeplakat an der Bushaltestelle anschaust, weil du auf den Bus wartest, wird das auch "unscharf" aussehen und lauter "Pixel" siehst du auch. Aber von der anderen Straßenseite ist das schon was anderes...

Erst im direkten Vergleich wird die unterschiedliche Schärfe der beiden Objektive deutlich. Ich würde aber sowohl das linke, wie auch das rechte Foto ohne Bedenken verwenden!

Lass dich also nicht verängstigen oder in den Schärfewahn treiben :) Gefällt dir das Foto? Ja? Dann drucke es aus, verwende es als dein Profilbild, als Hingergrund am PC oder Handy. Nein? Dann mache eines, das dir gefällt! Noch ein Gedanke: Schau dir mal die Box mit alten Fotos aus deiner oder der Kindheit deiner Eltern an. Ich garantiere dir, dass 99% der Fotos nach heutigem "Standard" unscharf sind. Oder schau dir Henrie Cartier Bressons Fotos an. Ein MEISTER seines Fachs, aber viele Fotos von ihm sind nur mittelmäßg scharf. Aber seine Fotos stehen über jeder Kritik. Du kannst seinen Stil nicht mögen, sein Genre nicht mögen, aber seine Bilder sind voller Emotionen, Energie und Erinnerung. Punkt. Ende. Aus. Bis zum nächsten Mal, Dein