Neue Kamera, Neues Glück?!?

Lieber Freund,
Erst kürzlich habe ich einen interessanten Artikel von Eric Kim gelesen, in dem er 6 Lessons I've Learned After Shooting All the Expensive Cameras präsentiert. Ich werde mir hier die sechs Lektionen die Eric gelernt hat, näher ansehen und meinen eigenen Senf dazu geben. Außerdem habe ich mir erlaubt die Lektionen ins Deutsche sinngemäß zu übersetzen.

1. Wenn deine Fotos nicht gut genug sind, ist deine Kamera zu billig.

Dachte ich mir auch oft. Zumindest früher. Natürlich muss es an der Kamera liegen, wenn die Fotos nicht gut (genug) sind, oder? Kurzer Exkurs, der ironischer nicht sein könnte. Erst letztens konnte ich an der BMW Electric Now Tour teilnehmen. Dort konnte ich einen i3 (Neupreis ca. 30.000€), einen i8 (NP ca. 150.000€), einen 530e (NP ab 57.000€) und einen 740Le (NP ab 110.000€) fahren. Ich gebe unverwunden zu, dass dieser Vormittag einen riesen Spaß gemacht hat. Und auch, dass ich mir wohl keines dieser Autos jemals leistern werden kann (und will!). Und dabei waren das nicht einmal die teuersten Autos, die ich jemals gefahren bin. Eigentlich sollte ich eher einen Auto-Blog haben, keinen Foto-Blog, oder?? Und selbst wenn ich ein paar (Hundert) Tausend Euro übrig hätte, wüsste ich bessere Wege dieses Geld einzusetzen. Zurück zur Fotografie, mehr oder weniger. Es muss also nicht immer das Beste und Neueste sein. Macht mich ein teures Auto zu einem besseren Autofahrer? Nein, tut es nicht (und ja: ich spreche hier - auch - aus eigener Erfahrung)! Warum sollte es dann bei einer Kamera, einem Laptop, einem Objektiv so sein?

Cockpit des BMW i8

Cockpit des BMW i8

2. Alle Kameras haben mehr gemeinsam als du denkst.

Ja, die eine Kamera kann in 4K filmen und die andere nicht (die kann nur 1080p, oder so). Die eine Kamera hat 16 Megapixel, die andere 24. Die eine Kamera macht 4 Bilder pro Sekunde, die andere 8 oder 12. Aber im Grunde ist genau so wie bei den bereits erwähnten Autos. Jedes Auto kann dich von A nach B bringen. Zugegeben, einige bequemer und schneller als andere. Und bei manchen kann ich viel Gepäck einladen, bei manchen weniger. Aber im Grunde komme ich trotzdem "nur" damit von A nach B. Und jede Kamera kann Fotos machen, dazu wurde sie gebaut. Ist es wirklich so schlimm, dass deine (ältere) Kamera kein WiFi verbaut hat? Oder das sie nur einen SD-Karten Slot hat? Werden dadurch die Fotos schlechter? Ich glaube nicht. Ich glaube aber auch nicht, dass es schlecht ist, sich vor einem Kamerakauf zu informieren, aber man kann sich leicht in technischen Details verlieren. Die perfekte Eierlegendewolfsmilchsau gibt es auch bei den Kameras nicht. Ich bin gerade dabei, mir zu überlegen, meiner iPad/Tastatur Kombi ein Upgrade zu spendieren. Dazu schreibe ich gerade an einer Liste mit Dingen, die ich (glaube) unbedingt zu brauchen und eine Liste mit Dingen, die nett wären. Auch hier ist es so, dass sich Notebooks nur in Details unterscheiden. 90% ist gleich. Lass dich also nicht verunsichern, wenn eine neue Kamera am Markt kommt und du glaubst, gleich umsteigen zu müssen. 90% dessen, was die neue Kamera kann, kann deine jetzige Kamera auch (schon)!

3. Lass dich nicht von Markennamen einschüchtern/blenden.

Der Ferrari, um wieder auf die Auto-Methapher zurück zu geifen, unter den Kameras ist wohl Leica. Natürlich wegen dem roten Punkt ;) Dann wäre da noch Maybach (= Hasselblad), Audi (=Nikon), Mercedes (=Canon) und BMW (=Sony?). Und noch viele andere. Sowohl die Industrie als auch durch selbige gut "gebriefte" potenzielle Klienten schwören auf Markennamen. Aber die Wirklichkeit ist, dass es völlig egal ist (zumindest in 99% aller Fälle), welchen Kamerahersteller du verwendest. Eine Canon ist nicht "besser" als eine Nikon oder eine Sony (Fanboys, Beschwerden bitte an das Salzamt unter interessiert-mich-nicht@salzamt.ar). Natürlich macht es Sinn, ein einem "Ökosystem" zu bleiben, solange man zufrieden ist. Aber wenn (aus welchen gerechtfertigten oder auch ungerechtfertigten Gründen auch immer) man meint, wechseln zu müssen, warum nicht? Für meine Großeltern war es kaum denkbar, den Arbeitgeber zu wechseln. Das hat man damals einfach nicht gemacht. Damals gab es aber auch noch so etwas das sich Loyalität nennt. Heute sucht man so etwas schon länger. Sowohl im beruflichen Umfeld als auch bei den Herstellern (diversester Produkte)!

Instrumententafel des BMW 740Le

Instrumententafel des BMW 740Le

4. Don't compensate

Dazu ist mir eigentlich keine gute Übersetzung eingfallen, aber du weißt doch, was man über Menschen mit großem Auto sagt. Zumindest über die des männlichen Geschlechtes. ;) Ähnlich kann es auch bei Kameras sein, findet Eric und ich muss ihm zustimmen. Ich finde, die Kamera sollte die (natürliche) Verlängerung deiner Selbst sein, wie Valerie Jardin immer sagt. Ich habe es oft erlebt, bei verschiedensten Veranstaltungen, dass der Fotograf mit riesen Foto-Equipment angerückt ist und die Fotos, naja sagen wir mal "suboptimal" waren. Ich dagegen bin schon öfter mit meinen kleinen Fujis (wusstest du, dass die X-T1 deutlich kleiner ist als die X-Pro1??) verlacht worden. Das Lachen schlug aber normalerweise schnell in ein freudiges Lachen um, nachdem sie die Fotos gesehen hatten. Fühlst du dich mit deiner Kamera wohl? Das sehen auch die anderen und werden entspannter. Menschen erkennen (überraschend?) einfach wenn du mehr "Blender" bist. Ein Sprichtwort sagt zwar "Fake it, till you make it", aber das klappt nur, wenn du dich mit deinem Werkzeug (nichts anderes ist deine Kamera!) wohl fühlst. Du magst eine D5 oder 1Dx MkII? Fein! Dir ist die kleine X-T1 lieber? Auch gut! Aber nur wegen der Prestige eine Kamera kaufen, die nicht zu dir passt, ist rausgeworfenes Geld und bringt dir wohl kaum mehr Aufträge oder Likes...

Interieur des BMW 730Le

Interieur des BMW 730Le

5. Sei wie Benjamin Button.

Ich musste kurz in meinen Erinnerungen an die Schulzeit kramen, denn im Gymnasium haben wir dieses Buch gelesen. Zuerst dachte ich aber an ein anderes Buch, nämlich "Das Bildnis des Dorian Gray", dessen Bild und nicht er selbst altert. Aber hier geht es um Benjamin, der immer jünger wird. Er kommt als Greis auf die Welt und wird im Verlauf seines Lebens immer jünger. Das Buch (den Film habe ich nie gesehen, aber es soll teilweise stark vom Buch abweichen, habe ich gehört) befasst sich vor allem mit sozialen und gesellschaftlichen Konventionen die einem (Menschen) vorschreiben wollen, wie er zu sein hat. Ich denke, auch das können wir für unser "Foto-Dasein" mitnehmen. Ja, es gibt gewisse Bildkompositionen ("Regeln") die dem Auge besonders gut gefallen (Drittel-Regel, usw.), aber das heißt nicht,
a) dass ich mich sklavisch daran halten muss
und
b) dass ein Bild welches mit diesen "Regeln" bricht, nicht auch gut sein kann.
Es sind vielmehr Hilfsmittel, gute Tipps, Ideen, um ein ansprechendes Bild zu komponieren. Wenn dir ein Bild gefällt, wen interessiert es, ob diese oder jene "Regel" eingehalten wird?

6. Du wirst dich (schnell) daran gewöhnen.

Jetzt mal ehrlich, geht dir das nicht wirklich auch bei allem so? Mir jedenfalls schon. Am ersten Tag ist man noch ganz aufgeregt, sein neues [Ding] in die Hand zu nehmen, damit zu spielen, es anzusehen, es zu benutzen. Am zweiten Tag vielleicht auch noch und eventuell am Tag 3 ebenso. Und ganz plötzlich, ohne dass du es merkst, hast du dich daran gewöhnt. Einfach so, ohne das du etwas dagegen tun könntest. Und dann? Eine noch neuere (oder teurere) Kamera? Oder ein Objektiv? Oder zwei? Da nur die wenigsten wirklich über so viel Geld verfügen, sich ihre Gelüste zu befriedigen, bleiben einem nur zwei Optionen. Entweder man ist zufrieden mit dem was man hat (die bessere Option) oder man ist es nicht und wird über kurz oder lang unglücklich (die weniger bessere Option). Und selbst wenn ich all das Geld hätte, würde ich auf Dauer auch nicht glücklich werden. Ein alter uns weiser (leider schon verstorbener) Mann sagte mir vor vielen Jahren: "Wer nicht verzichten lernt, wird ein unglücklicher Mensch!" - wie Recht er doch hat! Aber das ist schon wieder Stoff für eine andere Geschichte! Was denkst du? Bis zum nächsten Mal, Dein

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