RAW vs. JPEG oder "Die unendliche Geschichte - Teil 2475932984"

Lieber Freund,

Ich glaube die Diskussion RAW oder JPEG ist mindestens genau so alt, wie die Frage ob zuerst das Huhn oder das Ei war. Oder ob die Schotten oder die Iren zuerst Whisk(e)ky gemacht haben. Oder wer den Vodka erfunden hat, Russland oder Polen. Naja, vielleicht nicht so alt, aber zumindest so alt, wie das RAW Format. Ich habe keine Ahnung wer es erfunden hat (die Schweizer waren es wohl nicht) und ich weiß auch nicht wann es in den Kameras zum ersten Mal implementiert wurde, aber das ist hier auch nebensächlich.

Mir geht es hier auch nicht um die Frage, ob ein Format besser ist als das andere. Ich bin mir sicher, dass du bei dieser Aussage laut "JA" ausrufen möchtest, "Ja, nämlich RAW!". Auch wenn dies nicht mein Kernpunkt ist, möchte ich hier einen Moment innehalten und dich zum Nachdenken anregen. Ob RAW besser ist als JPEG kommt immer darauf an, welchen Maßstab ich anlege. Hier ein paar Beispiele:

Menge an Dateninformation: Ja
Farbtiefe: Ja
Dynamikumfang: Ja
Speicherbedarf: Nein
Post-Process Zeit: Nein
Universelle Darstellbarkeit: Nein

Wie du unschwer erkennen kannst, kommt es einzig und alleine darauf an, welche Frage(n) ich stelle. Die Frage die du dir stellen musst, ist "Ist RAW *für mich* besser als JPEG?". Oder "Ist es *für mich* Sinnvoll in RAW zu fotografieren?". "Ja, aber in der Summe ist RAW besser als JPEG", magst du einwenden. Ist ein Aston Martin DB9 besser als ein Mitsubishi Canter? Kommt darauf an, wenn ich Zement transportieren will, komme ich mit dem Aston nicht weit, auch wenn der "in Summe" das bessere Auto ist. Wenn du mich noch vor einem oder eher zwei Jahren gefragt hättest ob RAW oder JPEG, hätte ich dir garantiert zu RAW geraten. Fragst du mich aber heute, könnte meine Antwort durchaus zugunsten von JPEG ausfallen. (Hier und Hier die Anfänge meines Wandels)

Nord-Ost Slowakei, 2014

Was ist passiert? Bin ich der Gemeinschaft der RAW-Shooter die sich um Jared Polin aka "The Fro" gebildet hat, abtrünnig geworden? Verstehe mich nicht falsch, ich habe durch die Videos von ihm viel gelernt und bin als Fotograf gewachsen, keine Frage. Vor allem der "Flash-Guide" mit Adam Lerner war äußerst hilfreich. Was ist also passiert? Lass es mich dir an einem kleinen Beispiel erklären. Letztens poppte auf Facebook ein Post von Jared auf und ein Satz erregte meine Aufmerksamkeit. Eigentlich bestand der Post aus zwei Sätzen und einem Video welches für die Verwendung von RAW wirbt. Die Sätze waren: "There's NO EXCUSE for not shooting RAW. What other excuses have you heard?" -zu Deutsch: "Es gibt keine Entschuldigung, RAW nicht zu verwenden. Welche anderen Entschuldigungen hast du gehört?" Und genau dieser zweite Satz ist es, der mich (entgültig) abtrünnig werden hat lassen. Begonnen hat es mit Fujifilm, genauer gesagt mit der X100T.

Seit wann muss ich mich dafür entschuldigen, nicht in RAW zu fotografieren? Warum muss ich mich überhaupt rechtfertigen, wenn ich nicht in RAW fotografieren möchte? Das klingt fast wie "RAW first", um einen aktuellen politischen Slogan zu verwenden. Mag schon sein, dass es SEINER MEINUNG nach keine Entschuldigung gibt, nicht in RAW zu fotografieren. MEINER MEINUNG nach, bedarf es überhaupt keiner Entschuldigung in JPEG zu fotografieren. Oder in RAW, oder beides. Ich frage mich, woher diese Aversion gegen alles was nicht RAW ist, kommt. Am Ende habe ich immer ein JPEG, auch wenn ich in RAW fotografiere. Ob das dann aus einer RAW Datei kommt oder direkt aus der Kamera kann man - IMHO - nachträglich wohl kaum ermitteln. Und welches von beiden "besser" ist ebenso wenig.

Mariazell, Österreich, 2015

Er hat schon recht, wenn er sagt, dass man das Foto bereits in der Kamera "richtig" hinbekommen sollte. Egal ob man JPEG benutzt oder nicht. Und dem stimme ich voll zu. Aber warum sollte ich nicht das JPEG direkt aus der Kamera nehmen, wenn das besser aussieht, als ich es jemals mit einer RAW Datei hinbekomme? Zugegeben, ich spreche hier von JPEGs aus den aktuellen X-Series Kameras von Fujifilm. Die diversen Filmsimulationsmodi und weiteren Einstellmöglichkeiten sind so vorzüglich, dass ich das JPEG - vorausgesetzt ich habe die Kamare "richtig" eingestellt und das Foto gut belichtet - ohne Bedenken verwenden kann. Warum sollte ich das nicht ausnutzen? Und warum sollte ich mich dafür entschuldigen? Und warum muss sich nicht jeder entschuldigen, der keine Fujifilm Kamera benutzen will??

"Das geht jetzt aber zu weit", magst du dir denken und du hast natürlich Recht. Warum lässt man nicht jeden mit der Kamera fotografieren, mit der er möchte? Darf man doch eh, und das sogar ohne ein schlechtes Gewissen zu haben oder sich entschuldigen zu müssen. Und warum darf man dann nicht JPEG verwenden? Ich habe, durch die verschiedensten Podcasts welche ich regelmäßig höre, viele Fotografen kennen gelernt. Viele von ihnen verwenden RAW, aber mindestens ebenso viele "begnügen" sich mit JPEG. Manche fotografieren sogar ausschließlich in JPEG und sind glücklich. Manche verwenden RAW+JPEG, manche RAW. Sollte es beim Fotografieren nicht vorrangig um Freude, Emotionen und Spaß gehen? Ich bevorzuge ein leicht unscharfes, vielleicht auch noch etwas unterbelichtetes und etwas verrauschtes Foto voller Emotionen als JPEG aufgenommen auf jeden Fall vor einem technisch perfekt ausgeführtem Foto in RAW ohne jedwede Emotionen.

London, 2016

"Emotion vor technischer Perfektheit" ist mein neues Motto. Die Kameras von heute sind mittlerweile so gut, dass wir uns um den ganzen technischen Schnick-Schnack nicht mehr wirklich Sorgen machen müssen. Wen kümmert es, mit welchen Aufnahmeparametern ein Foto gemacht wurde? Ob Blenenautomatik, Zeitautomatik, Manuell oder gar Automatik. Ob RAW oder JPEG. Ob mit einer Canon 300D, einer Nikon D5 oder einem iPhone. Ich jedenfalls habe meine Freude am Fotografieren wieder gefunden, seitdem ich mich weniger mit dem befasse, was "technisch richtig" ist und was nicht. Wenn mir etwas gefällt, mache ich ein Foto. Selbst wenn es nicht 100% perfekt ist! Sonny Portacio von "The Pocket Lenses Podcast" verabschiedet sich immer mit "Now go and make amazing pictures" (zumindest habe ich das so in Erinnerung), ähnlich tut es Valerie Jardin in ihrem Podcast. Sie versucht in ihrem Genre, der Street Photograpy, immer das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen abzulichten ("Photographing the extraordinary in the ordinary") und kümmert sich auch nicht darum, wie hoch die ISO ist, "6400 is no problem" sagte sie einmal über ihre X100S.

Vielleicht sollten wir mit der ganzen Debatte RAW-JPEG, Canon-Nikon-Fuji-Olympus-Sony, Lightroom-Caputre One, usw. aufhören und versuchen mehr Spaß dabei zu haben, tolle Fotos zu machen. Ich freue mich schon auf unseren Fotowalk #010! Da wird es keinen "Gear-Talk" geben und niemand wird schief angeschaut, weil er mit einem Smartphone auftaucht. Wir werden einfach ein paar Stunden Spaß haben und (hoffentlich) großartige Fotos mache und tolle Erfahrungen sammeln! Bis dahin, "Gut Licht", Dein