Tempus fugit

Lieber Freund,

In einem Podcast hörte ich letztens: "I don't take photographs, I make photographs". Dieser Ausspruch - von Ansel Adams - lässt sich nur schwer ins Deutsche übersetzen. Denn sowohl "make (a) photograph" als auch "take (a) photograph" würden wir mit "(ein) Foto machen" übersetzen. Aber im Englischen sind damit zwei Dinge gemeint. Ersteres ist mehr "zufällig ein Foto machen", Zweiteres ist "mit einer (bestimmten) Absicht ein Foto machen".

Interessant, das man bei einem Gemälde zum Beispiel nicht "take a painting" sondern "make a painting" sagt. Da steckt Arbeit dahinter. Man muss sich etwas anstrengen, damit etwas gescheites entsteht. Warum also nicht bei einem Foto auch? Das hat vermutlich die gleichen Gründe, wieso heute fast niemand mehr malt (ich sage bewusst "fast niemand" mehr, wohl wissend, dass es sicherlich noch einige gibt die es tun). Es kostet Zeit (und Geld) und viel viel Übung und Training.

Cluny, Frankreich, 2015

Zeit ist etwas, das wir gerade in der heutigen Zeit "nicht mehr haben". Ich setzte diese Worte absichtlich in Anführungszeichen, da wir niemals Zeit "haben", wir besitzen die Zeit nicht. Zeit ist nichts greifbares, wie Geld oder ein Auto. Wir haben nicht einmal einen "Sinn" der die Zeit erfassen könnte. Wir benutzen (selbst) geschaffene Dinge um Zeit zu messen. Auch können wir sie nicht speichern, bewahren oder nehmen. Nach Aristoteles ist sie das "Maß jeder Bewegung" ohne jedoch selbst bewegt zu werden. Veränderungen geschehen in der Zeit, sie selbst jedoch verändert sich nicht. Und im natürlichen Sprachgebrauch benutzen wir sehr wohl die Phrasen "Ich habe keine Zeit" oder "Dafür nehme ich mir (gerne) Zeit". Alles sehr philosophisch, oder?

Nachdem wir also keine Möglichkeit haben, die Zeit zu beeinflussen - weder zu unseren Gunsten noch Ungunsten - warum fangen wir nicht einfach an, die Dinge zu tun (uns dafür "Zeit nehmen"), die uns (oder anderen!) Freude bereiten? Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, unsere Zeit ist begrenzt. "Unsere Zeit", nicht "die Zeit" wohlgemerkt. Wir hetzen heute von einer "Aktivität" zur nächsten, ohne uns wirklich richtig Zeit dafür zu nehmen. Ich habe das Gefühl - geht es dir nicht auch so - dass so mancher Zeitgenosse nur dann "zufrieden" ist, wenn er möglichst Vieles am Tag schafft. Zwar ist das alles sehr anstrengend und muss auch den Anderen entsprechend leidvoll zur Schau getragen (bzw. auf Sozialen Medien, etc. mitgeteilt) werden, aber nur so gelingt es dem Betroffenen ein Gefühl von Erfolg zu bekommen.

München, 2016

Ich habe beschlossen, diesem Trend nicht (weiter) zu folgen. Mehr als einmal kam es mir in den Sinn - während ich mit dem Fotoapparat unterwegs war - "eigentlich könntest du schon weitergehen, jetzt bist du schon 10 Minuten am gleichen Fleck" oder "eigentlich könnte ich jetzt das, oder das, oder das machen". Abgesehen von meinen gelegentlichen Referenzen auf einen Fotoapparat, was hat das bitte alles auf einem Fotoblog zu suchen, magst du dich jetzt fragen.

Ich glaube das bisher gesagte ist genau der Grund warum man (zumindest im Englischen) sowohl "make" als auch "take" sagen kann. In den Zeiten als wir noch mit echtem Film fotografierten, (mussten) wir uns die Zeit nehmen, das Foto "ordentlich" zu machen, schließlich kostete jeder Druck auf den Auslöser bares Geld. Heute kostet es uns (augenscheinlich) nichts mehr. Masse statt Klasse, könnte man auch sagen. Nicht nur im Bereich der Fotografie. Immer mehr, immer höher, immer schneller, immer besser, immer, immer, immer,...

Stift Admont, Steiermark, Österreich, 2016

Ich bin da genau so schuldig, wie fast jeder Andere, keine Frage ;) Die Frage die du dir stellen solltest ist (und ich sollte das auch tun): "Wann fange ich an, mir Zeit für Dinge zu nehmen, die mir wichtig sind?" und "Wann fange ich an, die Dinge nicht mehr zu machen, die mich (eigentlich) gar nicht interessieren?" Die (einfach zu gebende, aber alles andere als einfach umzusetzende) Antwort muss lauten: "Heute" und "Morgen fange ich wieder damit an, weil ich schon wieder aufgehört habe" und "Am Tag danach fange ich auch wieder damit an, weil ..." und so weiter. Ich glaube, das ist - ebenso wie die Debatte RAW vs. JPEG - eine niemals endende Geschichte.

Viele meine Fotos (gerade in letzter Zeit) sind nicht gerade "toll", weil ich mir einfach nicht die Zeit genommen habe, sie zu machen. Ich kam an einem mehr oder minder interessanten Ort vorbei, machte ein paar Schnappschüsse und zog weiter, da ich ja noch "Termine" hatte. Damit soll jetzt aber Schluss sein. "Der Weg ist das Ziel" sagt ein Sprichwort, das ich eigentlich gar nicht so mag. Denn wenn schon der Weg das Ziel ist, wozu sollte ich mich dann anstrengen? Habe ich dann nicht mein Ziel schon erreicht, einfach dadurch, dass ich mich auf den Weg gemacht habe?

Aber in diesem Zusammenhang passt es ganz gut. Das Ziel, wenn ich mit meinem Fotoapparat unterwegs bin, ist, dass ich Spaß habe, ein paar schöne Stunden (wo auch immer!) verbringe und vielleicht auch das eine oder andere gute oder schöne Foto mache. In diesem speziellen Fall kann der Weg also auch das Ziel sein, oder was denkst du?
Bis zum nächsten Mal, Dein